Logo der Stadt Nürnberg

Dauerhafte Ausstellung

50 Jahre Meistersingerhalle

Meistersingerhalle in Zahlen

Klassische Konzerte, Rock & Popshows, Musicals, Bälle, Jubiläumsfeiern, Tagungen und Kongresse, Ausstellungen - so vielfältig das Programm des Kultur- und Kongresszentrum Meistersingerhalle Nürnberg ist, so imposant sind die Daten, mit denen die Halle aufwartet:

  • das Gebäude wurde als Stadt in der Stadt konzipiert, mit eigener Müllverbrennung, Wäscherei, Metzgerei, ...
  • die bebaute Fläche beträgt 12.000 m², die Gesamtnutzfläche sogar 26.740 m², allein die Kühl- und Gefrierräume haben eine Grundfläche von rund 230 m²
  • es gibt etwa 650 Türen in der Meistersingerhalle
  • die Tanks der Sprinkleranlagen fassen 170.000 l
  • die Orgel im großen Saal ist mit 6.646 Pfeifen die größte Orgel in einem bayerischen Konzertsaal
  • ca. 800 Veranstaltungen finden jährlich mit insgesamt 340.000 Besuchern statt
  • über 20 Millionen Besucher haben seit Eröffnung eine der ca. 45.000 Veranstaltungen in der Halle besucht
  • etwa 4000 Personen passen gleichzeitig in die Meistersingerhalle
  • seit 2007 steht die Meistersingerhalle unter Denkmalschutz

Die Geschichte der Meistersingerhalle und ihre Einbindung in das gesellschaftliche Leben der Stadt Nürnberg dokumentiert eine von Prof. Peter Zlonicky konzipierte und vom Büro makena plangrafik gestaltete Dauerausstellung im Bildergang des großen Foyers. Diese wurde anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Meistersingerhalle am 08.10.2013 durch den Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly und die Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner eröffnet.

Im Folgenden können Sie die Ausstellung virtuell erkunden und sich über die spannende Entstehungsgeschichte der Meistersingerhalle und 50 Jahre Veranstaltungs- und Konzertgeschichte der Bundesrepublik Deutschland informieren:

Bild zum Text

1. Ausstellungsbereich

1.1 NÜRNBERG UND DIE MEISTERSINGERHALLE

Im Jahr 1958 beschließt der Nürnberger Stadtrat, ein neues Konzert- und Veranstaltungsgebäude zu errichten: Auf dem historischen Gelände des Luitpoldhains in der Nähe des Dutzendteichs entsteht die Meistersingerhalle.

Die erstmals im Jahr 1050 urkundlich erwähnte Stadt Nürnberg hat bis zu diesem Zeitpunkt schon dreimal ein Deutsches Reich erlebt: das mittelalterliche Heilige Römische Reich Deutscher Nation, seit 1871 das Deutsche Kaiserreich und schließlich das von den Nationalsozialisten sogenannte Dritte Reich.

Die hoch über der Altstadt gelegene Burg kündet noch von Nürnbergs großer Zeit als eine der bedeutendsten Städte im deutschen Sprachraum. Um 1500 revolutioniert hier Albrecht Dürer die Kunst. Peter Vischer, Veit Stoß und Adam Kraft wirken mit ihren Skulpturen und Plastiken weit über die Grenzen der Stadt. Alle neu gekrönten deutschen Könige halten in Nürnberg ihre Reichstage ab. Nürnberger Waren und Nürnberger Handel sind in ganz Europa präsent. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs 1648 erlebt Nürnberg eine Zeit der Stagnation: die alte Stadt ist stehen geblieben, und es wird wenig neu gebaut. Erst durch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts steigt die Stadt wieder zu einem Wirtschaftszentrum auf – rund um die historische Altstadt wächst Nürnberg zur Großstadt heran. Die Landesaustellung von 1906 wird zu einer Leistungsschau der Bayerischen, vor allem aber auch der Nürnberger Wirtschaft. Zu diesem Anlass leistet die Stadt sich die Parkanlage Luitpoldhain, in der heute die Meistersingerhalle steht. Als ein Teil des Ausstellungsgeländes entsteht die Luitpoldhalle, eine Ausstellungshalle für große Maschinen der Nürnberger Industrie, die nach der Landesausstellung als städtische Festhalle dient.

Die Nationalsozialisten machen Nürnberg zur Stadt der Reichsparteitage und beginnen Aufmarschflächen, Hallen, Tribünen in gigantischen Dimensionen für ihre Propagandaveranstaltungen im Südosten Nürnbergs zu planen – das Reichsparteitagsgelände entwickelt sich zu einer der größten Baustellen des nationalsozialistischen Deutschen Reiches. Für den Luitpoldhain bedeutet das die totale Zerstörung der Parkanlage, die einer öden Aufmarschfläche weichen muss. Die Luitpoldhalle wird bis zur Unkenntlichkeit umgebaut.

1.2

Alle Maßnahmen haben nun dem Zweck der nationalsozialistischen Selbstdarstellung zu dienen. In dem seinerzeit Luitpoldarena genannten, unmittelbar neben der heutigen Meistersingerhalle gelegenen Gebäude treten zwischen 1933 und 1938 Hunderttausende SA- und SS-Männer vor Hitler an. Obwohl die meisten Bauprojekte des Reichsparteitagsgeländes unvollendet bleiben, hat die Hitlerzeit einen großen Teil des Naherholungsgebiets um den Dutzendteich vernichtet.

Im Zweiten Weltkrieg werden weite Teile der Altstadt, aber auch viele Bauten im übrigen Stadtgebiet durch Bomben zerstört – darunter auch die Luitpoldhalle. Die Stadt besitzt von da an keine große Veranstaltungshalle mehr.

Nürnberg liegt in Trümmern. Beim Blick über den Hauptmarkt in die Ruinenlandschaft bis hinauf zur zerstörten Burg erscheint ein Wiederaufbau fast als unrealistischer Traum. Doch die Nürnberger erfüllen sich diesen Traum in kleinen Schritten: Sie räumen Trümmer, bauen Marktbuden für den Handel, schaffen Notwohnungen und setzen in alten Werkhallen die Produktion in Gang.

Aus den kleinen Schritten werden große. Zwischen 1950 und 1960 entstehen 10.000 Wohngebäude, neue Fabriken gehen in Betrieb, viele jahrhundertealte Baudenkmale können instand gesetzt werden. Unternehmen in Nürnberg und Fürth wie Siemens, Grundig, Triumph, AEG und Quelle stehen in der westdeutschen Produktion mit an vorderster Stelle. 1953 wird ein Franke zum Wirtschaftssteuermann der Republik: der aus Fürth stammende Ludwig Erhard.

Es fließt wieder Geld in die Stadtkasse und der Nürnberger Stadtrat kann sich und den Bürgern einen Jahrzehnte alten Wunsch erfüllen: ein neues Konzert- und Veranstaltungsgebäude. Hierfür lässt die Stadt Nürnberg Ende 1959 die Rednertribüne Hitlers, die Zuschauertribünen und die Aufmarschflächen der Luitpoldarena sprengen – ein (vergeblicher) Versuch, so auch die belastende Geschichte des Nationalsozialismus loszuwerden. Erst Jahrzehnte später beginnt in Nürnberg eine offene Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Immerhin entsteht durch die Sprengung der Luitpoldarena Platz für die 1963 eingeweihte Meistersingerhalle, die durch ihre lichte und klare Architektur eine ganz andere, neue demokratische Gesinnung verkörpert.

Bild zum Text

2. Ausstellungsbereich

2.1 DIE MEISTERSINGERHALLE

Ein moderner Bau der Nachkriegszeit in einem traditionsreichen Park

Nach 1930 setzt sich die als Moderne bezeichnete, vom Bauhaus initiierte Gestaltungsweise als Internationaler Stil vor allem in den Industrieländern durch. In Deutschland – und insbesondere auch in Nürnberg – kommt es mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu einem ins Gigantische überzogenen neuen Klassizismus, der nach römischem Vorbild Kuppeln, Rundbögen und Säulenreihen zu seinen gebauten Symbolen macht. In der Nähe der Meistersingerhalle haben solche Formen als Fragmente das Ende des Nationalsozialismus überlebt.

Als das Bauhaus 1933 verboten wird, hat sich sein letzter Direktor, Ludwig Mies van der Rohe, bereits international einen Namen gemacht. Der Einfluss des Bauhauses reicht weit über den Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg hinaus. Die junge Bundesrepublik versucht, wieder internationale Kontakte zu gewinnen und knüpft am Erfolg des Bauhauses an. Die Moderne und die Architektur von Mies van der Rohe prägen auch den Entwurf der Meistersingerhalle.

Der Barcelona-Pavillon Mitte des Jahres 1928 übernimmt Mies van der Rohe die künstlerische Leitung der deutschen Abteilung der Weltausstellung 1929 in Barcelona. Mit seinem Barcelona-Pavillon errichtet er eines der hervorragenden Beispiele moderner Architektur im 20. Jahrhundert. In diesem Pavillon wird nichts ausgestellt – das Ausstellungsobjekt ist der Pavillon selbst. In seiner Eleganz, seiner Präzision und seiner formalen Konsequenz verkörpert der Barcelona-Pavillon die Vorstellung von deutscher Wertarbeit. Zugleich bietet er durch seine offene, fließende Struktur, die jedem Besucher freie Wahl der Wege und möglichen Betrachtungswinkel lässt, einen Ausdruck demokratischer Baugesinnung der Weimarer Republik. Auch die sparsame Ausstattung mit beliebig verschiebbaren eleganten Freischwinger-Sesseln und Tischen aus Edelstahl und Glas sowie die Wahl von langlebigen Natursteinen verdeutlichen ein Grundanliegen dieser Architektur – Weniger ist mehr. Der Barcelona-Pavillon wird zur Hauptattraktion der gesamten Weltausstellung. Angesichts seiner Bedeutung für die Architekturgeschichte wird er in den 1980er Jahren nach den originalen Plänen rekonstruiert.

Ludwig Mies van der Rohe und die Nachkriegs-Moderne Mit seiner konstruktiv-gestalterischen Logik und räumlichen Offenheit entwickelt Mies van der Rohe (1886–1969) sich zu einem der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Seine stählernen Trag- strukturen sind seinerzeit absolute Neuheiten und ermöglichen auch heute eine hohe Variabilität der Nutzungen und großflächige Verglasungen von Fassaden. Mit der Neuen Nationalgalerie in Berlin realisiert er ein weiteres herausragendes Beispiel eines Architekturstils, der in den 1960er Jahren für einige Zeit auch Architekten im anderen deutschen Staat, der DDR, anregt. An seinem universalen Konzept orientieren sich auch heute viele zeitgenössische Architekten.

Symbole des Wiederaufbaus: Festliche Bauten Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre hegen viele deutsche Städte den Wunsch, nach bürgerlicher Tradition ein Fest-Gebäude zu errichten. Messehallen und Sportarenen können zwar auch als Begegnungsstätten dienen, aber für das wachsende Verlangen nach Festlichkeit und Repräsentation empfindet man sie als ungeeignet. Dafür bauen die Städte jetzt neue Theater- und Konzerthäuser oder – wie im Fall der Meistersingerhalle, der Bonner Beethovenhalle oder des Dresdner Kulturpalasts – Mehrzweckgebäude mit großen Foyers und Restaurants, die neben dem Kunstereignis auch ihren eigenen Schau- und Erlebniswert für das Publikum haben.

Die Meistersingerhalle lässt sich heute als Gesamtkunstwerk aus der Zeit der sogenannten Nachkriegsmoderne erkennen. Ihre gläsernen Erdgeschossfronten, die einen weiten Blick in den umgebenden Park ermöglichen, und ihre schlichte, aber gestalterisch anspruchsvolle Ausstattung lassen die Vorbildwirkung des Barcelona-Pavillons erkennen. Es gibt in Deutschland nicht mehr viele Bauwerke, die die moderne Architektur der Weimarer Republik auf qualitativ so hohem Niveau verwirklicht und fortgeschrieben haben. Zu diesen seltenen Beispielen gehören die Beethovenhalle in Bonn und der Kulturpalast in Dresden.

2.2 Die Beethovenhalle in Bonn

Nicht nur im Sinne eines der herausragenden Bauwerke der jungen Bundesrepublik, sondern auch durch die hohe Identifikation der Bonner Bürger mit diesem Gebäude ergeben sich Parallelen zur Nürnberger Meistersingerhalle.

Der Bau der Beethovenhalle war eine national wie international beachtete Leistung. Die Bürger der Stadt spielten seinerzeit eine nicht unwesentliche Rolle – die Initiative zum Bau einer neuen Halle ging von ihnen aus, und sie setzen sich noch heute für ihren Erhalt ein. Im neuen Haus sollte vor allem der demokratische, weltoffene Geist der jungen Bundesrepublik zum Ausdruck kommen. Wie die damalige provisorische Bundeshauptstadt Bonn schrieben in der Nachkriegszeit auch zahlreiche andere Kommunen Wettbewerbe für Kulturbauten aus, die dem neuen Geist eine Form geben sollten. Bonn realisierte diese Absicht mit der Beethovenhalle in einer Weise, die, so der Kunsthistoriker Jörg Rüter, als beispielhaft für einen demokratischen Entscheidungsprozess gelten kann, der von der Formulierung der Wettbewerbsforderungen bis hin zu der Frage der Ausstattungsstücke reicht. Den 1. Preis des 1954 ausgeschriebenen Architektenwettbewerbs erhält ein Schüler von Hans Scharoun, der seinerzeit 29-jährige Architekt Siegfried Wolske. Die Beethovenhalle umfasst einen Großen Saal mit 1.980 Plätzen, ein Studio mit 487 sowie einen Kammermusiksaal mit 240 Plätzen. Neben der Nutzung als Konzerthaus für klassische Musik werden in der Halle auch Ausstellungen und Kongresse, Karnevalssitzungen, Partys und andere Feiern veranstaltet.

An der Gestaltung der Beethovenhalle sind bildende Künstler beteiligt, was Siegfried Wolskes Vorstellung von der Halle als einem Gesamtkunstwerk entspricht – einem Gebäude, das Kunst und Architektur zu einer Einheit verbindet.

2.3 Ein Bau für die Bürger – gerettet von Bürgern

Seit ihrem Eintrag in die Denkmalliste der Stadt Bonn im Jahr 1990 besitzt die Beethovenhalle ihren Denkmalstatus mit der Begründung, dass künstlerische, wissenschaftliche, insbesondere architekturgeschichtliche und städtebauliche Gründe für die Erhaltung und Nutzung des Gebäudes sprechen. Trotzdem versuchen Sponsoren aus großen Bonner Unternehmen 2009 die Beethovenhalle zugunsten eines Neubaus für ein Festspielhaus abzureißen: Die 1959 errichtete Beethovenhalle, argumentierten sie, entspricht nicht den heutigen Anforderungen an eine erstklassige Akustik und ist auch von ihrer Funktionalität her nicht mehr auf einem modernen Stand. Die von ihnen präsentierten neuen Wettbewerbsentwürfe gingen alle von einem Abriss der Beethovenhalle aus. Diese Abrisspläne lösen in der Bonner Bürgerschaft einen regelrechten Aufstand aus. Bürgerinitiativen, der Landeskonservator und Kunsthistoriker der Universität setzen sich vehement für den Erhalt des Bauwerks ein. 2011 entscheidet der Rat der Stadt Bonn schließlich, dass ein Abriss der Beethovenhalle zugunsten eines neuen Festspielhauses nicht in Betracht komme.

Der Kulturpalast Dresden Bei der Planung des Kulturpalastes am Dresdner Altmarkt greift der Architekt Wolfgang Hänsch Impulse der Architektur Mies van der Rohes und auch der Nürnberger Meistersingerhalle auf. Die Planung fällt in eine Zeit, in der sich in der DDR eine Nachkriegsmoderne entfaltet. Die DDR, um internationale Anerkennung bemüht, will in Dresden besonders mit den einzigartigen Kulturschätzen der Stadt punkten. Wie die Nürnberger Meistersingerhalle bewusst als Zeichen für einen demokratischen Neubeginn in der Bundesrepublik Deutschland den verbliebenen Fragmenten der NS-Architektur gegenübergestellt wird, so steht Dresdens 1969 eingeweihter Kulturpalast als Signal des Aufbruchs im Zentrum der kriegszerstörten Altstadt.

Wie die Meistersingerhalle in Nürnberg sollte auch der Dresdner Neubau multifunktional nutzbar sein. Der zunächst auf 2.740 ausgelegte, dann auf 2.435 Sitzplätze reduzierte Festsaal ist als ebenerdiger Bankettsaal nutzbar, mit seinen terrassenförmig ausfahrbaren, überhöhten Sitzreihen jedoch auch für Konzerte geeignet. Hinzu kommen, über ein weiträumiges Foyer erschlossen, ein Studiotheater mit 192 Sitzplätzen, Seminar- und Büroräume sowie ein Restaurant mit Tagungsmöglichkeiten. Wie Mies van der Rohe sieht auch Wolfgang Hänsch in seinem Kulturpalast ein Baukunstwerk. Und auch hier sollen Werke von bildenden Künstlern die Baukunst ergänzen: Das Wandbild Weg der roten Fahne, das den sozialistischen Kulturzweck des Hauses signalisieren soll, Bronzetüren, die auf die Heimatgeschichte verweisen und eine Brunnenanlage, die Festlichkeit und Freude bereiten sollen. Während das Wandbild im Jahr 2001 zum Denkmal erklärt wird, müssen die Brunnen einer Tiefgarage weichen. Die Bürger sind mit ihrem Festsaal zufrieden, die Musiker jedoch nicht. Trotz verschiedener Bemühungen lässt die Akustik sich nicht entscheidend verbessern. Ein Umbau zum reinen Konzertsaal bleibt jahrelang umstritten. Der Architekt Wolfgang Hänsch klagt gegen den Einbau von – dem Leipziger Gewandhaus vergleichbaren – festen Besucherterrassen. 2012 wird seine Klage abgewiesen, mit der er sich gegen die Auflösung jener Einheit von außen und innen wehrt, die der Denkmalschutz der Halle zusichert. Heute werden nach den Plänen des Büros Meinhard von Gerkan ein Konzertsaal, Dresdens Hauptbibliothek und eine Spielstätte für das Kabarett Herkuleskeule gebaut.

Bild zum Text

3. Ausstellungsbereich

3.1 DEMOKRATIE ALS BAUHERR

Harald Loebermann, der Preisträger des Architekturwettbewerbs zum Bau der Meistersingerhalle, orientiert sich bei seiner Planung an der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion in der jungen Bundesrepublik. Adolf Arndt fasst sie während der Berliner Bauwochen 1960 in seiner berühmt gewordenen Rede in der Berliner Akademie der Künste zusammen:

„Muss es nicht für die Demokratie eine politisch-existenzielle Frage werden, wie gebaut und wie gewohnt wird, eine Frage, bei der es um mehr geht als um Hygiene, Sozialkomfort und Lebensstandard? Mit diesen Betrachtungen kreise ich ein Geheimnis ein, das Geheimnis des Gleichgewichts. Das Gleichgewicht des Menschen im sich selber und das Gleichgewicht des Menschen mit dem Raum, den er sich durch sein bauen schafft und in dem er sich als Mensch für sich und als Mensch im Gefüge und als Gemeinschaft darstellen soll. Ich hoffe, es schält sich heraus, dass aus politischer Sicht die Frage nach dem Bauen eine Frage nach dem Menschen ist, dass es um die unaufhörliche Aufgabe geht, Mitmenschlichkeit in dieser Selbstdarstellung wirklich werden zu lassen.

Das souveräne Volk als Bauherr. Ich meine, dass Demokratie als politische Lebensweise von ihrem Ansatz her auf den mündigen Menschen angewiesen und darum alles in ihr, auch das Bauen, darauf angelegt sein muss, dem Menschen zu seiner Mündigkeit zu verhelfen und ihn sich in dieser Welt bewusst werden zu lassen, dass er politischer Mensch ist, der zu seinem Teil geschichtliche Mitverantwortung trägt.

Eine Demokratie ist nur so viel wert, wie sich ihre Menschen wert sind, dass ihnen ihr öffentliches Bauen wert ist.

Was hier angestrebt werden sollte, ist ein solches Höchstmass an Dichte, an Wahrheit der Aussage, dass von ihrer Lauterkeit her, wie sie die Aufgabe meistert, jenes Bleiben an Strahlkraft über die Zeiten hin ausgeht, wie es als Geheimnis der Kunst erfahren wird. Das Ideal, das souveräne Volk als Bauherr seiner öffentlichen Bauten zu sehen, lässt sich mit keiner Mechanik messen. Auf dem unendlichen Weg zur Annäherung an dieses Ideal lässt sich nur in der freiheitlichen Weise fortschreiten, dass Bauten zur Diskussion gestellt werden, ob sie den Menschen dazu verhelfen, sich ihrer mündigen Mitmenschlichkeit, ihrer Gemeinschaft, der von ihnen zu formulierenden sozialen Aufgabe bewusst zu werden."

Adolf Arndt war von 1949 an Bundestagsabgeordneter. Seine Rede Demokratie als Bauherr regte die Architekten seiner Zeit zu intensiven Diskussionen an. Sie galt und gilt noch heute als die wichtigste Orientierung für alles öffentliche Bauen.

3.2 DIE ARCHITEKTUR DER MEISTERSINGERHALLE

Standort, Wettbewerb, der Architekt, der Künstler

Bis ins 19. Jahrhundert konzentriert sich das Musikleben der Freien Reichstadt Nürnberg auf die Kirchen. 1902/03 entsteht der Kulturvereinssaal als neuer Mittelpunkt des Nürnberger Musiklebens. Umfangreiche Spenden aus der Bürgerschaft ermöglichen den Bau. Nach 1920 finden öffentliche Konzerte auch im Velodrom und in der Katharinenkirche statt. Zur gleichen Zeit wird auch ein großer neuer Veranstaltungssaal für den Cramer-Klett-Park konzipiert, dessen Realisierung die Weltwirtschaftskrise jedoch verhindert. Nach 1933 sorgen die Nationalsozialisten für ganz andere Akzente: sie verschieben die großen Veranstaltungsbereiche an den Dutzendteich.

Während des zweiten Weltkriegs werden alle für Konzerte nutzbaren großen Säle der Stadt zerstört, nur die maßlos überdimensionierte, unvollendete Kongresshalle am Dutzendteich bleibt den Nürnbergern als belastende Hinterlassenschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Nach 1945 baut die Stadt für die wiederbelebte Nürnberger Spielwarenmesse eine große Halle, die sie zunächst auch für Konzerte nutzt. Der Bau einer neuen Veranstaltungs- und Konzerthalle erweist sich jedoch als unerlässlich, und 1956 können tatsächlich Vorarbeiten für das Bau- und Raumprogramm beginnen.

Der Stadtrat beschließt, dass das nördliche Gebiet des Luitpoldhains Standort für die geplante Halle sein solle. Die Lage entspricht den gewachsenen Erfordernissen der Verkehrserschließung. Im Übrigen ist der Bau in einem traditionsreichen Gartenareal gelegen und ermöglicht die Anbindung an den Volkspark Dutzendteich. So kann die Halle eine Brückenfunktion zwischen dem historisch gewachsenen Nürnberg und seinem neuen Stadtteil Langwasser übernehmen. Als besonderes Ziel formuliert der Stadtrat, eine Konzerthalle im Grünen zu schaffen.

Nach der Ausschreibung des Wettbewerbs im Juli 1958 werden 28 Entwürfe eingereicht. Der Architekt Harald Loebermann erhält den 1. Preis. Die Jury hebt seine vorbildliche Anordnung der Säle hervor, wie zum Beispiel der Restauration und der Küche in Verbindung mit einem Innenhof zu einer organischen, klaren und lebendigen Wechselbeziehung sowie die Möglichkeit der Kombination in Verwendung der verschiedenen Raumgruppen. Mit dem Beschluss vom 21. Januar 1959 erhält Harald Loebermann den Auftrag für das Vorprojekt. Bei der architektonischen Gestaltung der Repräsentationsräume wird dann Professor Wunibald Puchner eingebunden.

Harald Loebermann (*1923 Ansbach, †1996 Nürnberg) war Architekt und Kunstsammler. Im Jahr 1954 gründet er sein eigenes Atelier und gewinnt 1958 den Architektur-Wettbewerb für die Gestaltung des geplanten Nürnberger Konzert- und Veranstaltungsgebäudes, der späteren Meistersingerhalle, die sein wichtigstes Bauwerk wird. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass er zugleich einer der weltweit bedeutendsten Sammler der Grafiken von Lyonel Feininger ist. Seine bildhafte Kompetenz trägt dazu bei, dass es ihm vorzüglich gelingt, seine preisgekrönte Gestaltungsidee – die Zusammenfassung der wesentlichen Räume auf einer Ebene – baulich umzusetzen und durch eine großzügige Verglasung des Foyers auch die umgebende Landschaft in die Wirkung des Gebäudes mit einzubeziehen.

Wunibald Puchner Der Gestalter der Repräsentionsräume (*1915 Deggendorf, †2009 Nürnberg) studiert an der Akademie für angewandte Kunst in München und wird 1946 als Professor für Innenarchitektur an die Nürnberger Kunstakademie berufen. Er gilt als kraftvoller Lehrer und Künstler, der das Ziel verfolgt, aus dem Inneren und Äußeren eines Bauwerks ein Gesamtkunstwerk zu gestalten. Beim Bau des Großen Saals legt Wunibald Puchner größten Wert auf Proportionen, die vom menschlichen Maß hergeleitet sein sollen, um in diesem Riesensaal ein Raumerlebnis hervorzurufen, das den Eintretenden Ausgeglichenheit und Ruhe empfinden lässt.

3.3 DATEN ZUM GEBÄUDE

DatumBeschreibung
09.12.1959Beschluss zur Durchführung des Baus und dessen Finanzierung. Die Bauausführung wurde einem Konsortium Nürnberger Firmen als Arbeitsgemeinschaft Konzerthalle übertragen.
19.04.1960Festliche Grundsteinlegung
28.07.1961Richtfest
11.07.1962Das Konzerthaus erhält den Namen Meistersingerhalle. Es kann bis zu 4.000 Besucher aufnehmen und umfasst den Hauptsaal mit 2.121 Sitzplätzen für Konzerte, Vorträge, Empfänge, Feste und Feiern, den Kleinen Saal mit 520 Sitzplätzen, ein großzügig dimensioniertes Foyer, das Restaurant für 500 Gäste und eine 700 Sitzplätze fassende Gartenterrasse.
07.09.1963Feierliche Eröffnung
12.02.2007Erklärung zum Baudenkmal Denkmalgerechte Brandschutzsanierung, Dachsanierung
Kosten 1963in DM
Reine Baukosten16.500.000 DM
Technische Einbauten6.850.000 DM
Geräte und Sonderausstattung2.700.000 DM
Erschließungskosten400.000 DM
Außenanlagen1.700.000 DM
Baunebenkosten2.350.000 DM
Gesamtsumme30.500.000 DM
Flächen und VolumenMaße
Gesamtnutzfläche28.000 m²
Raumvolumen150.000 m³
Saalvolumen23.000 m³
Höhe Großer Saal14,00 m
Breite Großer Saal43,00 m
SonstigesKosten
Baukostenindex 201370.000.000 €
Brandschutzsanierung 2006–200812.500.000 €

3.4 AKUSTIK UND ORGEL

Für den Hauptsaal der Meistersingerhalle wird ein Modell im Maßstab 1:10 gebaut, um die akustische Wirkung der Raum- und Deckenformen bewerten und optimieren zu können. Zugleich dient das Modell den Architekten, die optische Wirkung ihrer Planung besser beurteilen und mit den Akustikern abstimmen zu können.

Die Gesamtwirkung des Großen Saals ist von der Orgel geprägt. In einem modernen Konzerthaus muss die Orgel Kompositionen früherer Epochen, die für deren eigene Klangwelt geschrieben wurden, ebenso gewachsen sein wie den musikalischen Leitbildern des 19. und 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart. Beim Bau der Orgel für die Meistersingerhalle werden diese verschiedenen Anforderungen erstmals nebeneinander verwirklicht. Heute kann sie der Klangwelt Johann Sebastian Bachs ebenso gerecht werden wie der ganz anderen etwa eines Max Reger. Die von der traditionsreichen Orgelbauanstalt Georg Friedrich Steinmeyer und Co. aus Öttingen geschaffene Orgel besitzt 6.646 Pfeifen, 86 klingende Stimmen, vier Manuale und ein Pedal.

TECHNIK

Die schallgedämpfte Haustechnik ist in den Kellerräumen installiert. Sie umfasst neben der Heizungsanlage und der Kältezentrale zwei hauseigene Trafostationen sowie eine Batterieanlage für die Not- und Panikbeleuchtung. Die Beleuchtung und Beschallung der Räume in Verbindung mit einer kontinuierlich erneuerten Kommunikationstechnik beruht auf einer ausgeklügelten Steuerung, die viele Effekte ermöglicht. Das Herzstück der technischen Anlagen ist der Regieraum. Unter den Veranstaltungsräumen befinden sich – in der Dimension einer Fabrikationshalle – Kühllager, Speicher und Zubereitungsbereiche.

3.5 DIE BAUKÜNSTLERISCHE GESTALTUNG

Die Stadträte von Nürnberg geben 1959 ein Konzerthaus im Grünen in Auftrag. Deshalb wird das flache Gebäude nach den Leitbildern der englischen Parks und den Anlagen von Peter Joseph Lenné und Fürst Hermann von Pückler-Muskau behutsam in die Parklandschaft eingefügt.

Ein historischer Baumbestand aus Eichen, Buchen und Ulmen umgibt das moderne Bauwerk. Die Waagerechten des Gebäudes bilden gegenüber den aufstrebenden Gehölzen einen belebenden Kontrast, wie auch die sich in den Glasscheiben spiegelnden Naturformen mit den Wandflächen aus schwarz glänzendem Quarzit und römischem Travertin.

Bei der Planung der Innenwirkung der Säle geht Prof. Puchner davon aus, dass eine sachlich-ingenieurtechnisch geprägte Gestaltung allein dem repräsentativen Anspruch an die Veranstaltungsräume nicht genügen kann. Er strebt deshalb ein künstlerisches Zusammenspiel der Formen und Materialien an.

Mit den Mitteln moderner Architektur schafft er Wand- und Deckenelemente in harmonischen Proportionen, mit denen es ihm zugleich gelingt, die technischen Anlagen für Akustik, Klimatisierung und Beleuchtung zu verkleiden. So entsteht eine zurückhaltend festliche Wirkung, die den Musikern und den Zuhörern gleichermaßen gerecht wird und mit ihrem zeitlosen Charakter bis heute gültig ist.

Daher kann die Meistersingerhalle mit Fug und Recht als eine nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene, legitime Fortschreibung des Gestaltungskonzepts angesehen werden, das Ludwig Mies van der Rohe für den deutschen Ausstellungspavillon der Weltausstellung von 1929 in Barcelona entwickelt hat. Die Meistersingerhalle ist damit ein herausragendes Beispiel für das neue baukünstlerische Gestalten nach der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland.

DAS SIGNET

Im Oktober 1962 beschließt die Kommission der Meistersingerhalle einen Wettbewerb zur Erzielung eines eindrucksvollen Signet für Geschirr, Bestecke, Drucksachen usw. unter den Künstlern von Nürnberg, Landkreis Nürnberg einschließlich der Städte Fürth, Erlangen und Schwabach. Realisiert wird ein Entwurf, der die Formensprache der Architektur aufnimmt.

DIE KUNSTWERKE IN DER MEISTERSINGERHALLE

Die Einstimmung auf ein Konzert oder andere künstlerische Veranstaltungen wird durch die Verbindung von architektonischen Elementen mit anspruchsvollen Kunstwerken geschaffen. Das Auffälligste unter ihnen – es war zur Bauzeit das bislang Größte seiner Art – ist ein zwischen Foyer und Großem Saal angebrachtes Relief aus getriebenen Kupferplatten von Günter Voglsamer. Diesem Kunstwerk kann es gelingen, die Besucher auf dem Weg vom Foyer zum Großen Saal in eine festliche Stimmung zu versetzen.

Im Kleinen Foyer unterstützt das Wandbild des ungarischen Künstlers Miklós Szemerédy die künstlerische Gesamtwirkung der Meistersingerhalle. Ein Netzwerk aus geraden Linien gliedert die gesamte Fläche zwischen dem Boden und der Decke; die Farben wirken luftig und transparent. Den benachbarten Kleinen Saal schmückt ein 25 m² großer Wandteppich, der in der Nürnberger Gobelin-Manufaktur nach einem Entwurf von Jacob Kuffner geknüpft wurde. Der Wandteppich im Großen Foyer von Hermann Kaspar Die Frau Musica ist ein Geschenk der Bayerischen Staatsregierung zur Eröffnung der Meistersingerhalle. Mit den wertvollen Oberflächenmaterialien der Böden, Wände und Decken sowie den Leuchten und kostbar gestalteten, von der Firma A. F. Gangkofner geschaffenen Kristallgehängen entfaltet eine für die 1960er Jahre typische künstlerische Formenwelt ihre belebende Wirkung.

Günther B. Vogelsamer (*1918, †2004) wächst in München auf und studiert dort von 1942 bis 1950 an der Akademie der Bildenden Künste. Sein Haupttätigkeitsfeld wird die seinerzeit besonders virulente Kunst am Bau. Er engagiert sich in Künstlervereinigungen und begründet im Münchner Haus der Kunst die Reihe Kunstsalon. Im Jahr 1967 wird er zum Professor für Große Komposition an die Kunstakademie Nürnberg berufen und ist von 1975 bis 1984 auch ihr Präsident. Neben dem für die Meistersingerhalle entworfenen und vom Münchner Bildhauer Willy Guglhör ausgeführten Kupferrelief gestaltet er unter anderem auch das Foyer des Münchner Gärtnerplatztheaters.

Miklós Szemerédy (*1930 in Tamási, †2015 in Nürnberg) gewinnt den unter sechs Nürnberger Künstlern ausgelobten Wettbewerb für die Wandgestaltung des Kleinen Foyers. Die Wandarbeit im Foyer der Kleinen Meistersingerhalle bleibt sein größter Auftrag. Später arbeitet er als Kunsterzieher am ungarischen Gymnasium in Kastl.

Jacob Kuffner ein in Nürnberg und München tätiger Maler, entwirft den großen Wandteppich für den Kleinen Saal der Meistersingerhalle. Die Nürnberger Gobelin-Manufaktur setzt seinen künstlerischen Entwurf um.

Aloys F. Gangkofner (*1920 Reichenberg-Riedelhütte, †2003 München) gilt als einer der bedeutendsten Industrie-Designer für Glas im 20. Jahrhundert. Er ist Fachlehrer für Glas an der Münchner Akademie für bildende Künste und später dort Honorarprofessor. Im Jahr 1983 wird er auf den Lehrstuhl für Glas und Licht an der Münchner Akademie der Bildenden Künste berufen.

Bild zum Text

4. Ausstellungsbereich

4.1 Raum für die Gemeinschaft

In den von Zerstörungen geprägten letzten Kriegsjahren und der Not der Nachkriegszeit entwickelt Nürnbergs Bürgerschaft einen regelrechten Hunger auf Erlebnisse in einer festlich gestimmten Gemeinschaft. Nach den Härten des Alltags gilt ein Konzert als künstlerisches Ereignis, auf das man sich einstimmt, für das man sich gut ankleidet, bei dem man nicht nur sehen und hören will, sondern ebenso danach verlangt, von anderen gesehen und gehört zu werden, mit anderen im Gespräch zu sein. Die Meistersingerhalle baut einen Rahmen für diese Anliegen und gewinnt früh Anerkennung:

„Die Frage nach der Festlichkeit mit heutigen Mitteln wird immer wieder gestellt. Die Meistersingerhalle dürfte wohl als Beispiel dafür gelten, wie dies bei einer im Kern nüchternen Architektur erreicht werden kann. Die Großzügigkeit der architektonischen Konzeption wird – cum grano salis – überall mit der Ausstattung zu einer Einheit. Der Stadt Nürnberg gebührt Anerkennung für ihren Mut und die Einsicht, dass ein solcher Bau notwendig ist. Die Qualität, die der Bau für die Bildung eines echten Bürgersinns besitzt, nämlich einen Rahmen für das Zusammentreffen vieler gleichgesinnter Menschen zu schaffen, wird evident, betrachtet man den Torso jener unheimlichen Kongresshalle, der wenige hundert Meter entfernt in seiner furchtbaren Maßstabslosigkeit und seinem falschen Pathos der Nachbar der Meistersingerhalle ist. In einer solchen Konfrontation muss unsere Zeit sich beweisen." (Baumeister, März 1964)

Die öffentlichen Gebäude der Nachkriegszeit sind in ihren Raumfolgen und ihrer Ausstattung vom Geist der Demokratie geprägt. Der Bürger steht auf einer Ebene mit den Prominenten – eine räumliche Trennung gibt es nicht. Die Meistersingerhalle behält diese Gemeinsamkeit in den 50 Jahren ihres Bestehens immer bei, der Bürger steht vor wie nach den Konzerten im Mittelpunkt.

4.2 Die Halle und die Künstler

Wie die Meistersingerhalle auf die Interpreten wirkt, lässt sich in den zahlreichen Gästebüchern nachlesen. Am 17. Februar 1964, also kurze Zeit nach der Eröffnung, gastiert hier Elly Ney, die weltbekannte Pianistin: „Die Meistersingerhalle war für mich ein großes Erlebnis. Beim ersten Klang spürte ich das Mitschwingen des Raumes, wodurch die Musikwerke sich ungehindert entfalteten und in der Gesetzmäßigkeit von Melodie und Rhythmus sowie der jedem einzelnen Ton zugehörigen Atmosphäre voll wirksam werden können. Wie selten findet man es doch, dass in neu errichteten Musiksälen die Klangverhältnisse derart günstig sind! So bietet dieser Saal eine große Hilfe, ein Musikwerk in wahrer Größe entstehen zu lassen – Raum, Klangverhältnisse und Farbe in harmonischer Einheit lassen die Meistersingerhalle vorbildlich und ideal in Erscheinung treten." Der Pianist Wilhelm Kempff, der Geiger Yehudi Menuhin und der Dirigent Joseph Keilberth würdigen den Bau gleichermaßen. Die Gästebücher der Halle vermitteln einen Einblick in die Vielfalt der Konzert- und Bühnenprogramme, die von klassischer Konzertmusik über Unterhaltungsmusik bis zu Jazz, Chansons und Sprechtheater reichen. Zwischen 1964 und 1966 verewigen sich beispielsweise auch die Jazzmusiker des Golden Gate Quartet, das Oscar Petersen Trio, die School Band of America, die Schauspielerin und Sängerin Hildegard Knef und der Schlagerstar Vico Torriani im Gästebuch.

Nach einem Zeitsprung von 15 Jahren wird um 1980 ein Wandel in Politik und Kultur erkennbar. Neben der Ungarischen Nationalphilharmonie und dem Dirigenten Wolfgang Sawallisch treten in der Meistersingerhalle Solisten wie Mstislaw Rostropowitsch, Alexis Weissenberg, Maurizio Pollini, Gidon Kremer, die Schauspieler Uschi Glas und Gert Fröbe sowie die Sängerinnen Milva und Margot Werner auf. Mit einigem Stolz erinnern sich ältere Nürnberger noch an den Auftritt von Jimi Hendrix, dem Weltstar der Rockmusik, im Januar 1969 in der Meistersingerhalle. Weitere Größen waren Pink Floyd, Billy Joel, Ike und Tina Turner. 30 Jahre später üben eine Geigerin wie Anne-Sophie Mutter, der Pianist Lang Lang oder Joan Baez, der Folklore-Weltstar, eine enorme Anziehungskraft auf das Nürnberger Publikum aus. Aber auch Unterhaltungskünstler wie Max Raabe und aktuelle Stars der Comedian-Szene wie Atze Schröder oder Cindy aus Marzahn füllen heute die Säle. Die großen und die kleinen Nürnberger Feste, die seit jeher – ob von Vereinen oder privaten Gesellschaften ausgerichtet – in der Meistersingerhalle stattfinden, sind nicht minder als Kongresse, Workshops, Tanzturniere, Vorträge und Informationsveranstaltungen wichtig für das Wirtschafts-, Kultur- und Geistesleben der Stadt.

4.3 Das Baudenkmal in der Erneuerung Im Jahr 2007 wird die Meistersingerhalle in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen. Aus der Begründung: „Die Meistersingerhalle ist ein früher Vertreter des so genannten „neuen Funktionalismus“, der eine strenge kubische Architekturauffassung vertritt und sich von der Beschwingtheit der 1950er Jahre löst... Loebermann orientierte sich u. a. an Ludwig Mies van der Rohe und an amerikanischen Vorbildern. (Die Halle) ist als Denkmal von historischer, künstlerischer und städtebaulicher Bedeutung. Zum Baudenkmal … gehört ausdrücklich auch die wandfeste Ausstattung im Inneren."

Während des halben Jahrhunderts ihrer Geschichte erweitert sich das Spektrum der Musikveranstaltungen in der Meistersingerhalle erheblich. Der Große Saal mit seiner Parkettbestuhlung in einer Ebene bietet nach wie vor beste Voraussetzungen für Konzerterlebnisse. Nach 50 Jahren braucht jedoch die Meistersingerhalle – wie alle Konzert- und Veranstaltungsbauten der 1960er Jahre – eine grundlegende Sanierung und damit eine Erweiterung ihrer Nutzungsmöglichkeiten. Die Meistersingerhalle bietet mit ihrem vielfältigen Raumangebot und ihrer komplex angelegten Technik dazu beste Voraussetzungen.

Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly

„Möge dieses Bauwerk ... immer seiner Aufgabe dienen: der Erhaltung und Vertiefung des guten, edlen und freiheitlichen Geistes in den Menschen unserer Zeit und kommender Generationen.

Diese Hoffnung meines Vorgängers hat sich über die vergangenen 50 Jahre erfüllt. Sie wurde von der Bürgerschaft lebendig weitergetragen, motiviert und unterstützt durch die Kulturpolitik der Stadt.

In einer veränderten Welt zeigt sich, wie wichtig es ist, dass Gebäude wie die Meistersingerhalle eine gemeinschaftsbildende Aufgabe übernehmen können. Sie schaffen Räume für Menschen, in denen sie sich begegnen und kulturelle Ereignisse in einem großen internationalen Spektrum erleben können.

50 Jahre nach der Einweihung zeigt sich, wie klug vorausbedacht dieser Standort war. Nürnbergs langjähriger Kulturreferent Prof. Dr. Hermann Glaser hatte die Worte des Philosophen Odo Marquardt Zukunft braucht Herkunft zum Leitmotiv gewählt. Heute bildet die Meistersingerhalle das räumliche Bindeglied zwischen der Altstadt und weit ausgedehnten Naturarealen, das zeitliche Bindeglied zwischen Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts und der Stadt von heute. In ihrer zurückhaltenden und doch kraftvollen Form ist die Meistersingerhalle ein Kristallisationspunkt demokratischer Stadtkultur."